Silsaneth und Amar(aus dem Zyklus Anderland)
Es ist ein Reich in Anderland, das kein einfacher Lebling je betreten hat. Es gibt keine Pforten zu jenem Reich, die ein physischer Leib durchschreiten könnte. Nur Tore des Traumes und der Vorstellung. In jenem Reich lebte ein König, der ein Meisterträumer war und Träume und Wünsche und Vorstellungen von Leblingen, ohne sein Zutun, auf sich zog, wie das Licht die Motten in der Nacht. Er selbst aber war einsam und seine Einsamkeit hatte ihn zu jenem Meisterträumer und König jenes Reiches gemacht. Sein physischer Leib existierte an irgendeinem verlassenen Ort in Diesland und er hatte ihn vor langer Zeit abgestreift, wie ein zu eng gewordenes Kleid. Niemals wollte er sich an jene Zeit erinnern, an dem ihm dieser Leib wie ein Gefängnis erschien. Eines Tages nun, oder vielleicht war es Nacht, erreichten die Träume eines Mädchens jenes Land, das die Kunst beherrschte, sowohl in Diesland, als auch in Anderland bewusst zu reisen und sie fand den einsamen König, der ihr Herz auf eine unsägliche Art berührte. Auch sie war eine einsame Königin eines Reiches, das dem des Königs ähnelte, doch selten nur zog sie sich in jenes Reich zurück. Sie war es müde verehrt zu werden, angebetet fast ob der Magie ihres Seins, sie war der Einsamkeit müde, die sie Tag um Tag erfuhr und hatte sich dem Diesseits zugewandt, niemals ihre Heimat vergessend in dem Versuch Diesland und Anderland zu vereinen. Es war nicht einfach für sie die Königin aus Anderland in dem diesseitigen Mädchen zu erkennen und es war nicht einfach für das Mädchen sich in der Königin zu erkennen, doch war das Mädchen mit all seinen Narben die Trägerin des königlichen Erbes und nur durch ihre Verschmelzung würde sich die Grenze zwischen Diesland und Anderland lösen und Einland erwerden. Der König wurde ihrer gewahr und forderte bedingungslosen Gehorsam. Sie beugte sich seinem Spruch, denn in seinem Reich hatte er als König das Recht, dies von ihr zu fordern und so akzeptierte sie die Gesetze des Reiches und begann den König zu lieben, mehr zu lieben, als sie je zuvor jemand oder etwas geliebt hatte, so als ob sie seit ewigen Zeiten ihn gesucht hätte, ihn, dessen Sein dem ihren entsprach. Sie erwarb sich sogar das Recht den physischen Körper mitzunehmen in jenes Reich, da ihre Hände die seinen berührte und ein einziger Puls durch ihre Adern floss. Sie spürte die verborgene Güte, die Liebe, sie spürte sein Wesen, das unermesslich war und inniglichst zugleich. Manchmal liess er die Nähe zu und sein Geist küsste sanft den ihren und er war bereit aus dem Glas ihrer Seele zu trinken wie sie aus dem Glas seiner Seele trank. Und so vermischte sich der Inhalt der Gläser und in der Flüchtigkeit der Vermischung lag auch die Ahnung der Ewigkeit ihrer Verbindung.
Amar zog es vor in Anderland zu leben, immer wieder suchte zwar sein Blick den der Leblinge, doch ihre Unwissenheit stiess ihn ab. Sie hielten Diesland für die ganze Welt und konnten nicht sehen, dass es ein Gefängnis war, in dem sie lebten, solange sie es für das einzige Reich hielten und das Gefäss ihrer Gedanken zu fremden Brunnen ging, aus denen es schöpfte. Kaum einer trank vom Fluss des Wissens, kaum einer sah den lebendigen Strom. Doch waren Diesland und Anderland nicht wirklich getrennt. Nur ein dünner Schleier trennte das eine vom anderen. Von Irgendland und Irgendzeit betrachtet, war Diesland eine verdichtetere Form von Anderland, doch hatte sich mit der Zeit das Abbild verformt. Kaum erkennbar war das eine im anderen. Der Schleier, der Diesland und Anderland trennte war nicht mehr durchsichtig, wie früher, sondern hatte eigenständige Konturen entwickelt und Muster, die die andere Seite als Spiegelbild unkenntlich machten. Einst, als die mächtigen Herren Einlands sich selbst als Leblinge schufen, gab es noch keinen Schleier. Erst die Siegel brachten die Trennung hervor. Worte des Vergessens hatten den Schleier gewoben und die Welten getrennt.
Silsaneth kannte die Geschichte von Einland, aus einer Zeit, da da sie mit ihren Ahnen am Lagerfeuer Dieslands sass und sie kannte die Geschichte Einlands aus Anderland, denn auch dort zeigte sich ihr das Geheimnis. Ihre eigene Heimat war Einland, das gewesene und das zu erstehende. Amar, von den verpesteten Träumen Dieslands genervt, weigerte sich, seine eigene Erscheinung in Diesland zu sehen. Und eines Tages, oder vielleicht war es nachts, flüsterte Silsaneth ihm zärtlich ins Ohr:
Glaubst du, es ist dein Strahlen allein, edler Amar,
das sich mir ins Herze brennt
Lodernd wie ein Streichholz
würde ich darin verglühen
Es ist auch die Dunkelheit
die du bist
die schützend mich in die Arme nimmt
Es ist die Nacht des Ungedachten,
die mich stählt
und mich dein Strahlen ertragen lässt.
Es ist die Dunkelheit
in die ich falle
um dich an dich selbst zu erinnern.
Es ist dort,
wo du dich mit dir alleine glaubst
wo wir uns begegnen
fern der Macht einer Sonne
als Spiegelbilder eines Seins.
Es ist kein Thron, den ich begehre
weder deinen, noch meinen
es ist die Begegnung
in den Tälern der Unsicherkeit
des Stolzes und der Scham
die mich wachsen lässt
über die Täler hinaus,
sie mich erfüllen lässt
mit meiner Liebe,
die dich ganz umfasst innen und aussen
und die mich ermächtigt
Schritt um Schritt mich dir zu nähern
als Mensch einem Menschen.
Verachte dich nicht in den Tälern, oh Sonne
denn auch dort bist du sichtbar
Hinter den Berggipfel zu steigen und zu scheiden
ist nur ein scheinbar wandernd Spiel
Nichts musst du mir beweisen,
denn dein Strahlen durchdringt mich
wärmt mich, auch wenn die Nacht
dein Antlitz verbirgt,
und selbst deine Unbarmherzigkeit
ist barmherziger als die Schwüre
der in der Vorstellung von Liebe Gefangenen
Auch Nacht bist du, edler Amar
Tag und Nacht der Ewigkeit.
Deine Wut ist so gross, edler Amar
und deine Kraft erstickt sich
im Kampf gegen die Unwissenheit
Doch da ist Güte in dir
und Verstehen
das grenzenlos ist
Lange Zeit
war dir die Einsamkeit
die einzige Vertraute
Nun wenn die Tore sich öffnen
erblasst auch die Einsamkeit
doch mit dem Erblassen der Einsamkeit
kommt die Errötung, wie die Nacht errötet
bei Anbruch des Tages
In dir, edler Amar
spiegelt sich
das Geheimnis des Lebens
der Elemente fruchtbar Tanz
Das Feuer des Wassers, die Erde der Luft
die Luft im Feuer, das Wasser der Erde
bist du und mehr.
Deine Liebe aber durchdringt alles
und bleibt immer
sie selbst
Verurteile nicht den Grashalm,
der sich im Winde bewegt
verurteile nicht die Erde
die die Sonne versengt
verurteile nicht das Haus
das in der Flut zerbricht
So trägst du selbst, edler Amar
alle Gezeiten in dir
die Wirkung und das Gewirkte
bist Erde und Feuer
Wasser und Wind
Grashalm und Staub
solange du im Körper weilst
Und was wäre das für eine Liebe,
die in dir nur die Sonne erkennt
da du alles bist mein Geliebter.
Die Idee des Kornes und das Brot
Der Boden, in dem das Korn wächst,
Die Hände, die es mahlen
das Nichts, aus dem sich die Idee gebiert
und der, der es isst.
du, der du mein Leben bist.
Die wahre Grösse liegt im Kleinen
in dem, was dich verletzlich macht
erst dort kannst du mit dir vereinen
was deines Herzens Lieb entfacht
Von jeher ist es dir verbunden
steht wartend vor dem Seelentor
das sich dir öffnet, wenn du durchgehst
sonst schiebt sich Illusion davor
die zum Nebel sich ersinnt
und nebenwahres Sein erspinnt.
Steh auf in dir und nehme an
die Macht die dir gegeben
als Mensch, als Gott
in deiner Not
und Schicksal wird sich wenden
Leid und Trauer enden!
Der König sagt: welch dummer Spruch, du hast gar nichts verstanden
und jeder noch so ernst Versuch, dir Wahrheit zu erweisen, glitt ab von dir und ging zu Bruch, bevor wir uns noch fanden.
Das Mädchen schaute ihn nur an, und reichte ihm die Hand, der König zögert, doch fürwahr, auch er spürt dieses Band. Es tobt der Kampf von Stolz und Scham, er will sich nicht entblössen, doch will er auch das Band zu ihr auf keinen Falle lösen.
Das Mädchen weinte bitterlich und hatt es doch gewusst, dass wenn sie diese Worte sprach, der König sie bestrafte, da er zu sehen nicht bereit, wie Wahrheit sich ihr zeigte. Sie sagt es nicht, um ihn zu stürzen, doch um ihn zu erheben, in wahre Macht, die erst entfacht, lässt alle Herzen beben.
Ihre Lieb ist rein und ihm allein ist all ihr Sein ergeben. Zu rufen ihn, ins ganze Sein, ist ihr ein Muss im Leben. Auch wenn er sie nun von sich stösst, und tief verletzt sie schwindet, wird sie auch sterbenskrank vor Leid noch seinen Namen rufen. Und dann vielleicht, in naher Zeit wird er den Weg beschreiten und einen Boden ihr und ihm, in einem Land bereiten, das ihnen beiden altvertraut, in den Bewusstseinsweiten.
Doch siehe da, der König wankt, sein Herz scheint tief getroffen, und wortlos streckt die Hand er aus und lässt die Finger offen. So legt sie ihre Finger gleich, ganz sachte zwischen seine, so finden sie sich Hand in Hand, aus zweien wird jetzt eine-
Er wird sie küssen, halten nun, in Lieb das Reich verwalten,
Einland wird es fürdar sein, wie´s sagten uns die Alten.
Der Fluss war lang, die Reise weit
die beiden sind zum Glück bereit
zu lieben sich für alle Zeit,
im Jetzt und in der Ewigkeit..
(c) Lile an Eden, Anderland