Die Stimme der alten Welten · Elder Futhark
Das Wort Rune kommt aus dem Urgermanischen: rūnō — Geheimnis, Flüstern, das was zwischen den Worten liegt.
Lange bevor die Runen zu einer Schrift wurden, waren sie Zeichen des Mysteriums. Die ersten runischen Inschriften tauchen um 150 nach Christus auf — in Nordeuropa, auf Fibeln und Knochen, auf Waffen und Grabsteinen. Der römische Historiker Tacitus beschrieb schon um 98 n. Chr., wie germanische Stämme Zeichen auf Holzstäbchen ritzten, sie auf ein weißes Tuch warfen und aus dem Muster das Schicksal lasen.
Das Elder Futhark — die 24 Runen dieses Orakels — entstand zwischen dem zweiten und sechsten Jahrhundert und wurde von germanischen Völkern von Skandinavien bis zu den Alpen verwendet. Es ist das älteste und vollständigste Runensystem das wir kennen. Der Name Futhark ergibt sich aus den ersten sechs Runen: Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raidho, Kenaz.
Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum — neun Nächte lang, verwundet vom Speer, Odin geweiht, mir selbst. An jenem Baum, dessen Wurzeln keiner kennt. Kein Brot stärkte mich, kein Trunk. Dann sah ich hinab — ich nahm die Runen, schreiend nahm ich sie — und fiel zurück. — Hávamál, Strophe 138–139 (Edda, 9. Jh.)
Was wir über die Bedeutung der einzelnen Runen wissen, stammt aus drei alten Quellen: dem norwegischen Runengedicht (um 1100 n. Chr.), dem isländischen (um 1400) und dem altenglischen (um 800). Diese Gedichte sind keine Wahrsageanleitungen — sie sind Gedächtnishilfen, Naturbetrachtungen, Lobgesang auf das Wesen jeder Rune. Das Orakuläre haben spätere Jahrhunderte hinzugefügt — doch sie haben es auf echtem altem Boden gebaut.
Es gab auch regionale Varianten: das jüngere Futhark der Wikinger (16 Runen, ab 800 n. Chr.) und das angelsächsische Futhorc (bis 33 Runen). Jede Kultur formte die Runen nach ihrem Weltbild — doch der Kern blieb: Runen waren immer beides. Schrift und Magie. Zeichen und Geheimnis. Geschichte und Gegenwart.